Marketing und Vertrieb in der Microsoft-365-Beratung: Warum getrennte Steuerung euer Wachstum kostet
In den meisten Microsoft-365-Beratungen, die ich kennenlerne, sind Marketing und Vertrieb formal zwei getrennte Abteilungen. Sie haben getrennte Verantwortliche, getrennte KPIs, getrennte Meetings. Das Marketing produziert Inhalte, der Vertrieb spricht mit Kunden. Im Geschäftsbericht stehen beide Funktionen nebeneinander, und beide sind formal stolz darauf, „eng zusammenzuarbeiten".
In den meisten Branchen ist diese Trennung tragbar. In der Microsoft-365-Beratung ist sie teuer — und zwar aus einem Grund, den die Beteiligten oft erst spät verstehen: Bei euch ist die Technik nicht ein Detail, sondern der Inhalt. Wer das Marketing eines M365-Consultancy-Geschäfts vom Consulting trennt, trennt das Storytelling vom Stoff, aus dem es bestehen muss.
Was in anderen Branchen funktioniert, funktioniert in der M365-Beratung nicht
Eine Industrieagentur, die generisch B2B macht, kann ihr Marketing mit einer geübten Hand und einem Briefing aus der Geschäftsführung führen. Die Themen sind allgemein genug, dass ein Marketing-Team sie autonom bespielen kann: Markteintritt, Effizienz, Wachstum, ESG, KI „als Trend".
In der Microsoft-365-Beratung sieht der Suchraum anders aus. Hier sucht der Käufer nicht nach „mehr Effizienz", sondern nach „SharePoint-Berechtigungen sauber strukturieren", „Conditional Access ohne Identity-Bruch ausrollen", „Copilot vorbereiten, ohne dass die Datenbasis brennt", „Intranet konsolidieren, ohne alle Power-User zu verlieren". Diese Themen werden von Käufern gesucht, die in ihrer eigenen Sache schon weit sind und genau erkennen, ob ein Anbieter das Thema beherrscht oder nur darüber spricht. High-Level-Marketing fällt hier auf — im falschen Sinne.
Der Käufer, der auf eurer Website landet, will nicht mit einer „Lösung für die digitale Transformation" abgeholt werden. Er will sehen, dass ihr verstanden habt, *welches* SharePoint-Problem er hat und *in welcher Reihenfolge* ihr es anfasst. Marketing, das diesen Stoff nicht aus dem Consulting bezieht, kann ihn nicht liefern.
Das Intranet-Beispiel: Warum technische Tiefe nicht delegierbar ist
Nehmen wir das Beispiel, das in fast jeder Microsoft-365-Beratung auf der Agenda steht: die Einführung oder Konsolidierung eines Intranets auf SharePoint Online.
Die Marketing-Sicht auf das Thema, wenn das Marketing isoliert arbeitet, lautet typischerweise: „Wir helfen euch, ein modernes Mitarbeiterportal aufzubauen, das die Zusammenarbeit verbessert." Das ist nicht falsch. Es ist nur austauschbar mit drei dutzend anderen Anbietern, deren Marketing genau dasselbe sagt.
Die Sicht, die aus dem Consulting kommt, lautet anders. Sie lautet: Ein Intranet auf SharePoint Online ist keine Kommunikations-Plattform — es ist eine Informationsarchitektur. Sie steht und fällt mit Hub-Site-Strukturen, sauber gezogenen Berechtigungs-Vererbungen, einer Search-Strategie, die Microsoft Graph nutzt, einer Governance, die mit der Identity- und Conditional-Access-Logik aus Azure zusammenspielt, und einer Migrationsstrategie für Altbestände, die niemand mehr versteht. Wer das nicht im Vorfeld klärt, baut nach zwei Jahren das Intranet zum dritten Mal um.
Ein Marketing, das diesen Stoff nicht kennt, bleibt zwangsläufig bei „modernem Mitarbeiterportal". Es ist nicht schuld — es hat den Inhalt nicht. Und der Käufer, der mit einer halb gescheiterten ersten Intranet-Einführung im Rücken auf eurer Website landet, erkennt in dreißig Sekunden, ob ihr ihm helfen könnt. Das einzige Material, an dem er das erkennen kann, ist euer Marketing.
Daran scheitert ein Großteil der M365-Marketing-Maßnahmen — nicht an handwerklichen Marketing-Fehlern, sondern an fehlendem Stoff.
Drei Hypothesen — und warum keine davon allein stimmt
Wer dieses Problem analysiert, landet schnell bei drei naheliegenden Erklärungen. Sie sind alle einzeln plausibel — und einzeln keine vollständige Antwort.
Hypothese 1: Das Marketing macht den falschen Job. Es bleibt zu oberflächlich, redet zu wenig technisch, „lockt zu high-level". Was an dieser Diagnose wahr ist: Das Ergebnis ist tatsächlich oft zu oberflächlich. Was an ihr falsch ist: Die Ursache liegt selten beim Marketing-Team selbst. Es liefert, was es bekommt — und es bekommt fast nie strukturierten Input aus dem Consulting. Ein Marketing-Verantwortlicher kann sich nicht zwischen Berater-Terminen Wissen abholen, das in Köpfen verteilt ist und nicht aufgeschrieben wird.
Hypothese 2: Der Vertrieb hat die technische Vorgehensweise nicht verstanden. Auch diese Diagnose ist teilweise wahr — in vielen Microsoft-365-Beratungen kommen die Vertriebsmitarbeitenden aus Lizenz- oder Kontaktberufen, nicht aus der Technik. Sie können nicht erklären, was eine saubere Identity-Architektur vom Standard unterscheidet. Aber: Vom Vertrieb zu erwarten, dass er die Tiefe eines Senior-M365-Beraters mitbringt, ist eine teure Anforderung. Sie führt schnell zu Vertriebsteams, die viel verdienen und trotzdem nicht überzeugen.
Hypothese 3: Es braucht zwingend Presales. Also dedizierte technische Vertriebsunterstützung, die zwischen Sales-Gespräch und Angebot eingeschoben wird. Auch das hat seine Berechtigung, bringt aber zwei Nebenwirkungen: Der Vertriebsapparat wird teurer, weil eine zusätzliche Rolle entsteht, und Presales wird strukturell zur „Übersetzer-Schicht", die ein Marketing-/Sales-Problem an einer Stelle löst, an der es schon viel Geld gekostet hat.
Alle drei Diagnosen behandeln Symptome. Die eigentliche Ursache liegt eine Ebene tiefer.
Die echte Ursache: Marketing, Vertrieb und Consulting sind drei Inseln statt ein System
In einer Microsoft-365-Beratung sind Marketing, Vertrieb und Consulting wirtschaftlich eine Einheit. Sie verkaufen dasselbe, an dieselben Käufer, mit denselben Argumenten. Wenn sie organisatorisch als drei getrennte Funktionen mit getrennten KPIs geführt werden, verlieren sie die Fähigkeit, das gemeinsame Storytelling zu liefern, das der Käufer braucht.
Konkret heißt das: Das Consulting weiß, wo die echten Probleme der Kunden liegen — sie sitzen jeden Tag drin. Das Wissen verlässt aber den Consulting-Raum nicht. Das Marketing erfindet aus zweiter Hand Inhalte, die im Consulting niemand so formulieren würde. Der Vertrieb verkauft mit Material, das aus dem Marketing kommt — und merkt im Gespräch, dass es die echte Konversation nicht trägt. Im schlimmsten Fall improvisiert er und verspricht etwas, das im Lieferprozess später korrigiert werden muss.
Diese Lücke schließt man nicht, indem man eine neue Funktion (Presales) einzieht. Man schließt sie, indem man die drei bestehenden Funktionen unter einer Steuerung zusammenführt, die ein gemeinsames Storytelling, eine gemeinsame Themen-Roadmap und einen gemeinsamen Käufer-Begriff durchsetzt.
Das ist organisatorisch keine Kleinigkeit. In den meisten M365-Consultancies ist es genau die Veränderung, die das Wachstum freisetzt — und genau die Veränderung, die niemand zuerst angehen will, weil sie an etablierten Rollen rüttelt.
Was zentrale Steuerung konkret heißt
Zentrale Steuerung bedeutet nicht „alles in einer Hand". Es bedeutet drei sehr konkrete Dinge:
Eine Person mit Mandat über Marketing und Vertrieb. In den meisten Microsoft-365-Beratungen ist das die Rolle eines Chief Commercial Officer oder eines Vertriebs- und Marketingleiters mit echter Entscheidungskompetenz — nicht zwei gleichberechtigte Köpfe, die sich abstimmen sollen. Die Trennung zwischen Marketing- und Sales-Leitung erzeugt strukturell genau die Reibung, die ihr loswerden müsst.
Eine geteilte Themen-Roadmap, die aus dem Consulting gespeist wird. Konkret: Jedes Quartal werden mit ein bis zwei Senior-Beratenden die drei wichtigsten Käufer-Probleme der nächsten sechs Monate festgelegt — auf einer technisch nicht naiven Ebene, mit konkreten Stoff-Stellen („So sieht eine belastbare Berechtigungs-Hygiene in SharePoint aus", „Das sind die fünf Identity-Stolperstellen vor einer Copilot-Einführung"). Dieser Stoff wird zur Roadmap für Content, Sales-Argumente und Webinar-Themen. Das Marketing schreibt nicht mehr ins Leere.
Geteilte KPIs auf Pipeline-Ebene. Solange Marketing auf Lead-Volumen und Vertrieb auf Abschlüsse gemessen wird, optimieren beide Funktionen auf verschiedene Ziele. Die Daten dazu sind eindeutig: Marketing optimiert auf isolierte Metriken wie Click-Raten, Vertrieb kämpft mit unvollständigen Pipelines — und beide Funktionen können die Schuld dafür glaubwürdig auf die jeweils andere schieben. Ein gemeinsames KPI-Set (qualifizierte Pipeline, Win-Rate, Pipeline-Velocity) zwingt zur gemeinsamen Sache.
Wer diese drei Hebel zieht, braucht keinen aufgeblähten Presales-Apparat. Der Stoff fließt dahin, wo er gebraucht wird, bevor der Vertrieb ihn brauchen würde — und der Käufer landet auf einer Website, in einem Webinar und in einem Sales-Gespräch, die dieselbe Sprache sprechen.
Die unbequeme Schlussfolgerung für M365-Consultancies
Marketing und Vertrieb in der Microsoft-365-Beratung sind kein Doppel zweier benachbarter Disziplinen. Sie sind die kommerzielle Front desselben Geschäfts, in dem die Technik den Inhalt vorgibt. Wer sie weiter als zwei Abteilungen führt, zahlt einen strukturellen Preis: Marketing-Inhalte, die im Such- und Vergleichsverhalten reifer M365-Käufer nicht bestehen, und Sales-Gespräche, die ohne Substanz aus dem Marketing zu jedem Termin neu erfunden werden müssen.
Die Lösung ist nicht mehr Personal. Sie ist eine andere Steuerung. Und sie beginnt nicht im Marketing — sie beginnt mit der Entscheidung der Geschäftsführung, kommerzielle Verantwortung anders zu schneiden.
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