Wenn Ausschreibungen und Bestandskunden nicht mehr reichen: Pipeline-Aufbau im Tech-Vertrieb
Der Tech-Vertrieb der letzten Jahre musste selten jagen. Ausschreibungen kamen rein, Bestandskunden verlängerten, und wo die Marge auf das Lizenzgeschäft dünn wurde, füllten die Incentives von Microsoft die Lücke. Das Ergebnis war ein Vertrieb, der solide verkauft hat, ohne je eine Pipeline aufbauen zu müssen. Das ist keine Kritik an den Leuten — es ist eine Beschreibung des Systems, in dem sie erfolgreich waren.
Der Haken an diesem System zeigt sich erst, wenn der Zufluss stockt. Und dann ist es für die Reaktion, die jetzt nötig wäre, bereits zu spät.
Der erfolgsverwöhnte Vertrieb baut Pipeline erst, wenn sie fehlt
Pipeline ist ein nachlaufendes System. Ein Discovery Call heute wird — im erklärungsbedürftigen IT-Geschäft — nicht diesen Monat zum Abschluss, sondern in einem oder zwei Quartalen. Laut Gartner durchläuft ein B2B-Käufer im Schnitt 27 Touchpoints und bindet 6,8 Stakeholder in eine Entscheidung ein; rund 80 Prozent dieser Reise passieren digital, bevor überhaupt ein Vertriebskontakt entsteht (Gartner, B2B Buying Journey).
Das heißt: Was der Vertrieb heute an Aktivität aufbaut, entscheidet über den Umsatz in sechs bis neun Monaten. Wer erst anfängt, Pipeline zu bauen, wenn die Zahlen einbrechen, hat den Vorlauf bereits verloren, den er gebraucht hätte.
Genau hier liegt der Reflex, den ich in Mandaten immer wieder sehe: Der erfolgsverwöhnte Vertrieb hält Pipeline-Arbeit für etwas, das man macht, wenn die Auftragslage schlecht ist. Tatsächlich ist es umgekehrt. Pipeline baut man in guten Zeiten, um sie in schlechten zu haben.
Definitions-Box — Pipeline-Vorlauf: Der Pipeline-Vorlauf ist der zeitliche Abstand zwischen der Aktivität, die eine Opportunity erzeugt (Call, Discovery, Erstgespräch), und dem Umsatz, den sie später bringt. Im erklärungsbedürftigen IT-Geschäft beträgt er typischerweise ein bis drei Quartale. Wer den Pipeline-Vorlauf ignoriert, reagiert immer eine Umsatzperiode zu spät — weil er die Ursache erst dann angeht, wenn die Wirkung schon fehlt.
In guten Zeiten kam die Pipeline von allein — das war das Problem
Über Jahre hat sich der Zufluss im Microsoft-Umfeld fast von selbst organisiert. Öffentliche und private Ausschreibungen waren planbar, Bestandskunden hatten Digitalisierungsbedarf auf Vorrat, und das Lizenz- und Projektgeschäft rund um M365 wurde durch Partner-Incentives zusätzlich gefüttert. Bequem — aber genau das hat die Muskeln verkümmern lassen, die man jetzt braucht.
Zwei Dinge haben sich verschoben, und beide gleichzeitig.
Erstens der Markt selbst. Der deutsche ITK-Markt wächst 2026 laut Bitkom zwar weiter — um 4,1 Prozent auf 246,4 Milliarden Euro. Aber das Wachstum konzentriert sich auf Software und Cloud (Software +9,9 Prozent, Cloud-Software +21,9 Prozent), während Deutschland mit 4,1 Prozent deutlich hinter dem Weltmarkt (8,5 Prozent) zurückbleibt (Bitkom, 2026). Für viele klassische Dienstleister heißt das: Das Wachstum findet statt, aber nicht mehr automatisch in ihrem Segment. Es muss aktiv geholt werden.
Zweitens die Kaufzurückhaltung. Laut DSAG-Investitionsreport 2026 nennen 79 Prozent der Unternehmen Wirtschaftlichkeit als zentrale Herausforderung bei Investitionsentscheidungen. Wo früher ein Bedarf nach dem nächsten kam, wird heute jedes Projekt hinterfragt, verschoben oder auf harten ROI geprüft. Der KfW-Digitalisierungsbericht 2025 zeigt in dieselbe Richtung: Der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben ist um fünf Prozentpunkte gefallen — zurück auf Vor-Corona-Niveau (KfW, 2025).
Dazu kommt, dass auch die bequeme Seite enger wird: Mit dem FY26-Programm hat Microsoft die Schwellen für Partner-Incentives zum Oktober 2025 angehoben. Die Details gehören nicht in diesen Text — der Punkt ist, dass der Puffer, der dünne Margen bisher aufgefangen hat, kleiner wird. Wer sein Geschäft darauf gebaut hat, dass die Pipeline von allein kommt, steht jetzt vor einer Pipeline, die er zum ersten Mal selbst aufbauen muss. Und zwar differenzierter als früher — nicht die eine Ausschreibung, sondern viele kleinere, spitzere Opportunities, die man einzeln entwickeln muss.
Eine differenzierte Pipeline braucht Stringenz, nicht Aktionismus
Wenn die Zahlen kippen, ist der erste Reflex Aktionismus: mehr LinkedIn-Posts, eine schnelle Kampagne, eine Kaltakquise-Welle über zwei Wochen. Das erzeugt Bewegung, aber keine Pipeline. Pipeline entsteht nicht aus Intensität, sondern aus Stringenz — aus wenigen Aktivitäten, die verlässlich und wiederholbar stattfinden.
In meinen Jahren als Chief Commercial Officer habe ich gelernt, dass der Unterschied zwischen einem Vertrieb, der Pipeline hat, und einem, der keine hat, selten im Talent liegt. Er liegt in den Ritualen. Drei davon sind nicht verhandelbar:
Erstens die Calls. Nicht als Zahl um der Zahl willen, sondern als verlässliche wöchentliche Grundlast an qualifizierten Erstkontakten. Zweitens die Discoveries — echte Termine mit Interessenten, in denen der Bedarf freigelegt und nicht das Produkt vorgeführt wird. Ein Discovery Call ist im IT-Markt ein Touchpoint in einer längeren Reise, kein Verkaufsgespräch mit Abschlusserwartung. (Warum das die falsche Mechanik ist, habe ich in [27 Touchpoints, nicht einer](/blog/buying-journey-touchpoint-realismus-it) ausführlicher beschrieben.) Drittens die Pipeline-Pflege, die nichts schönredet.
Definitions-Box — Vertriebsritual: Ein Vertriebsritual ist eine feste, wiederkehrende Vertriebsaktivität mit definierter Frequenz und definiertem Output — unabhängig davon, ob die Auftragslage gerade gut oder schlecht ist. Der wöchentliche Pipeline-Review, die feste Zahl an Discoveries pro Woche, das monatliche Forecast-Gespräch. Rituale entkoppeln den Pipeline-Aufbau von der Tagesform und von der Konjunktur. Sie sind der Grund, warum manche Vertriebe auch im Abschwung liefern.
Pipeline-Pflege, die nichts schönredet
Der teuerste Fehler im Vertrieb ist nicht die verlorene Opportunity. Es ist die Opportunity, die in der Pipeline steht, obwohl sie längst tot ist. Ein aufgeblähter Forecast fühlt sich gut an und produziert falsche Entscheidungen: zu wenig Neuaufbau, weil die Pipeline ja „voll" aussieht.
Ehrliche Pipeline-Pflege heißt, dass jede Stage eine überprüfbare Bedeutung hat. Eine Opportunity ist nicht „qualifiziert", weil jemand freundlich war, sondern weil ein definiertes Kriterium erfüllt ist — ein bestätigtes Problem, ein benannter Entscheider, ein nächster Schritt mit Datum. Dieselbe Disziplin, die zwischen Marketing und Vertrieb bei der Frage nach dem qualifizierten Lead gebraucht wird (dazu [MQL vs. SQL im IT-Markt](/blog/mql-sql-uebergabe-schwelle-it)), gilt innerhalb der Pipeline für jede einzelne Stufe.
Konkret bedeutet das: regelmäßig ausmisten. Was seit Wochen keinen nächsten Schritt hat, ist keine Opportunity, sondern eine Hoffnung. Hoffnung gehört nicht in den Forecast. Ein Vertrieb, der seine Pipeline ehrlich hält, hat auf dem Papier weniger — und weiß dafür, was er wirklich hat. Das ist die Voraussetzung dafür, den Neuaufbau richtig zu dimensionieren, statt ihn zu verschlafen.
Was man nicht sauber misst, redet man sich schön
Der Grund, warum sich Pipelines schönreden lassen, ist meistens banal: Die Zahlen liegen in verschiedenen Systemen und niemand fügt sie ehrlich zusammen. Die Telefonie läuft über das eine Tool, das CRM über das andere, der Forecast entsteht in einer dritten Tabelle. Jeder blickt auf den Ausschnitt, der ihn gut aussehen lässt.
Genau dort setze ich mit meinen Kunden an. Ich, Florian Pflanz, baue im Mandat Vertriebsdashboards, die diese Systeme zusammenführen — zum Beispiel die Telefonie aus Aircall mit dem CRM aus HubSpot oder Pipedrive. Nicht als Reporting-Spielerei, sondern damit die ganze Kette sichtbar wird: Wie viele Calls führen zu wie vielen Discoveries, wie viele Discoveries zu wie vielen echten Opportunities, und wie entwickelt sich das über die Zeit. Erst wenn diese Kette in einer Ansicht steht, lässt sich der Pipeline-Vorlauf überhaupt steuern — und man erkennt einen Einbruch am oberen Ende der Pipeline, Monate bevor er unten im Umsatz ankommt.
Der Nebeneffekt ist ein kultureller: Wenn die Zahlen für alle gleich sichtbar sind, hört das Schönreden von selbst auf. Man kann eine Stagnation bei den Discoveries nicht mehr wegdiskutieren, wenn sie im Dashboard steht. Das ist unbequem — und genau deshalb wirkt es.
Genau dafür habe ich ein [Sales-Operating-Vorgehen](/leistungen) entwickelt, das die Rituale, die Pipeline-Logik und das systemübergreifende Tracking als ein Ganzes aufsetzt, statt drei Baustellen nebeneinander zu betreiben.
Fazit
Pipeline-Aufbau ist keine Krisenmaßnahme. Er ist die Arbeit, die man in guten Zeiten leistet, damit die schlechten nicht wehtun. Der Tech-Vertrieb hat lange in einem System gearbeitet, das ihm diese Arbeit abgenommen hat — durch Ausschreibungen, Bestandskunden und Incentives. Dieses System trägt nicht mehr zuverlässig.
Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Grund, früher als später anzufangen. Wer jetzt Stringenz in seine Vertriebsrituale bringt, seine Pipeline ehrlich hält und seine Zahlen systemübergreifend sichtbar macht, baut sich den Vorlauf auf, den er in zwei Quartalen brauchen wird. Wer wartet, bis die Zahlen es erzwingen, reagiert zu spät — nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Mechanik.
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